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Genormte Individualisten

Früher war alles ganz einfach. Es gab so etwas wie einen allgemein verbindlichen Dresscode. Männer wie auch Frauen erfuhren aus Filmen, Zeitschriften oder einfach den Auslagen in den Schaufenstern, was der Herr oder die Dame in der jeweiligen Saison zu tragen hatte, und man trug es. Natürlich unterschied sich die Bürokleidung vom Ausgehanzug, das „Kleine [...]

Früher war alles ganz einfach. Es gab so etwas wie einen allgemein verbindlichen Dresscode. Männer wie auch Frauen erfuhren aus Filmen, Zeitschriften oder einfach den Auslagen in den Schaufenstern, was der Herr oder die Dame in der jeweiligen Saison zu tragen hatte, und man trug es. Natürlich unterschied sich die Bürokleidung vom Ausgehanzug, das „Kleine Schwarze“ vom Ballkleid. Aber man wusste, was zu welchem Anlass passte, und richtete sich danach. Heute ist alles viel komplizierter. Verschiedene Personen tragen nicht nur einen unterschiedlichen Stil, sie kaufen auch in ganz unterschiedlichen Geschäften ein. Und immer versuchen sie, damit auch ein ganz besonderes Lebensgefühl auszudrücken. Zum jeweiligen Stil gehört immer auch ein ganz besonderes Gehabe, eine ganz eigene Sprache. Die Frau, die ihre Women Streetwear im Streatwear Shop kauft, drückt damit aus, was sie ist – oder doch wohl viel eher, was sie gerne wäre. Ein Außenseiter nämlich, im besten Sinne natürlich, jemand, der nicht den Geschmack der Masse teilt. Eine, die Breakdance mag und sich auf dem Skateboard wohlfühlt. Eine Rebellin. Es ist paradox: Man flüchtet sich in eine von strengen Regeln geprägte Subkultur, um seine Individualität unter Beweis zu stellen. Aber im Grunde ist das ja der Trend unserer Zeit, nicht nur in der Mode. Oder stimmt das vielleicht gar nicht? Ist das womöglich gar kein so neuer Trend? War es womöglich immer schon so? Wollten nicht die Jugendlichen der fünfziger Jahre Rebellen sein wie James Dean oder Marlon Brando, und sind sie nicht dabei genau so der Herde gefolgt wie die jungen Leute von heute? Und wie viele Jugendliche waren Ende der Siebziger Punks, nur weil das gerade „in“ war? Wenn wir es näher betrachten, war früher wohl doch nicht alles ganz einfach. Die Modetrends ändern sich. Die Unfähigkeit der Individualisten, sich der Norm zu entziehen, bleibt.

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